Mit der Riksch durch Asien

Wie der Name schon sagt...

Mit der Riksch durch Asien

Beitragvon tyrax » Samstag 26. Januar 2008, 10:31

Vom 26. Dezember 2007 bis zum 14. Februar 2008 wird Thomas Bauer eine Reise unternehmen, die noch weitaus ungewöhnlicher
ist: Von der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi aus wird er dem Verlauf des Mekong südwärts folgen, um
nach Phnom Penh zu gelangen. Von dort aus geht es weiter zu den Tempelanlagen von Angkor Wat und anschließend
über Bangkok durch Thailand und über Kuala Lumpur bis nach Singapur.
Das Außergewöhnliche dabei ist: Er wird diese Reise mit einer RIKSCHA durchführen.

Teil eins: Von Vientiane nach Phnom Penh

IM STRASSENVERKEHR HOERT DIE ASIATISCHE HOEFLICHKEIT AUF
Ein gewaltiges Scheppern kuendigte den Lastwagen hinter mir an, der sich die schlaglochuebersaete Strasse
von Vientiane nach Savanaketh entlang quaelte. Als das Ungetuem direkt neben mir war, drueckte sein Fahrer
zur Sicherheit mit beiden Haenden auf die Hupe. Es haette ja sein koennen, dass ich den Sechzehntonner
nicht bemerkt hatte. Immer wenn eine solche Hupe keinen Meter Luftlinie von mir entfernt ertoente, zuckte
ich zusammen, waehrend ein Pfeifen in meine Ohren fuhr und mein Magen heftig um die eigene Achse rotierte.
Im Strassenverkehr, das hatte ich fruehzeitig bemerkt, hoerte die asiatische Hoeflichkeit auf. Jede Strasse
war in Wahrheit eine Rennstrecke. Es gewann, wer die lautere Hupe einsetzen und die kleinen Luecken im
Verkehrsgewusel ausnutzen konnte. Ein Radfahrer bot grundsaetzlich die Moeglichkeit einer solchen Luecke,
weil er immer noch ein paar Zentimeter nach rechts ausweichen konnte. Selbst wenn dort bereits der
Strassengraben begann.

Vientiane – Singapur, das bedeutete eine Reise von einer Welt in eine andere. Hier die angenehm schlaefrige
Hauptstadt von Laos, deren Entwicklung aehnlich langsam zu verlaufen schien wie der Fluss des Mekong,
der traege an ihr vorbei fliesst. Dort hingegen das in die Hoehe strebende, von klimatisierten Einkaufszentren
durchsetzte Singapur. Beide Staedte repraesentieren einen Teil des heutigen Asien, und gerade der
Spannungsbogen zwischen uralten Traditionen und ausuferndem Kapitalismus, zwischen buddhistischer Gelassenheit
und glitzerndem Groessenwahn verleiht der Region einen besonderen Reiz. Vientiane – Singapur, das war
das verrueckteste Vorhaben, das ich jemals in die Tat umgesetzt hatte. Verrueckt vor allem deshalb, weil
ich mir fuer die Reise ein ganz besonderes Fahrzeug ausgesucht hatte. Die Firma SMIKE aus Luzern war
so freundlich gewesen, mir eine ihrer Rikschas zu ueberlassen. Voll bepackt wog sie sechzig Kilogramm.
Einhundert Kilometer wollte ich damit im Durchschnitt pro Tag bewaeltigen.

WO IST DENN DER MOTOR?
Bereits waehrend der ersten Tage wurde deutlich, dass die Anwesenheit eines weisshaeutigen, langnasigen
Europaers auf einem dreiraedrigen Gefaehrt die jeweilige Hauptattraktion des Tages darstellte. Kinder
rannten zu Dutzenden neben mir her, Frauen winkten mir zu und Maenner riefen mir Gruesse und Anfeuerungen
in einer Sprache hinterher, die sie fuer Englisch hielten. Wo auch immer ich Pause machte, bildete sich
augenblicklich eine Menschentraube um mich herum. Alle wollten das SMIKE anfassen, den Reifendruck testen,
mit der Sitzlehne herumspielen und das seltsame Ding begutachten, das die Kilometerzahl angab. Konnte
einer der Anwesenden ein paar englische Brocken, tauchte grundsaetzlich eine Frage auf:
- “Wo ist denn der Motor?”
- “Es gibt keinen. Ich will selbst von Vientiane nach Singapur fahren.”
- “Komm schon, irgendwo muss doch ein Motor sein!”
Bei diesen Worten drueckte mein Gegenueber zumeist hoffnungsfroh auf dem Dynamo herum, bis er sich schliesslich
kopfschuettelnd abwendete und auf sein japanisches oder thailaendisches Moped stieg.

Jeder Tag hielt eine Reise ins Ungewisse fuer mich bereit. Ich war umgeben von Menschen, doch praktisch
keiner von ihnen beherrschte Englisch oder eine andere Fremdsprache. Ich wusste nicht, ob und wo ich
essen konnte, wo ich mich gerade befand und wo wie lange es bis zur naechsten Unterkunft dauern wuerde.
Am uebelsten waren die Kreuzungen. Sie tauchten unvermittelt auf und waren in den seltensten Faellen
ausgeschildert. Als ich kurz vor dem Fischerdorf Pak Kading auf eine solche Kreuzung sties, deutete ich
nach rechts und fragte die Menge um mich herum: “Pak Kading?”. Ich erntete eifriges Nicken und zuckersuesses
Laecheln. Schon wollte ich hoffnungsvoll nach rechts abbiegen, da beschloss ich, die erhaltene Auskunft
zu verifizieren. Ich deutete nach links und fragte wieder: “Pak Kading?”. Eifriges Nicken und zueckersuesses
Laecheln war auch hier die Reaktion, und mir wurde klar, dass mich keener der Anwesenden verstanden hatte.

RATTE MIT GEMUESE ZUM ABENDESSEN
Die Sonne stand wie ein gelbes Auge am Himmel, als ich tags darauf in Nam Thone einfuhr. Wolken schienen
hier Mangelware zu sein. Vermutlich befanden sie sich alle, wie so oft, in Europa und ganz besonders
ueber Deutschland. Im Zickzack fuhr ich um Wasserbueffel, Hunde, Huehner herum, die sich auf der
Nationalstrasse tummelten. Einmal mehr uebernachtete ich in einem Gaestehaus, das umgerechnet zwei Euro
kostete und entsprechend eingerichtet war, naemlich: gar nicht. Immerhin verfuegte es ueber ein Doppelbett,
auf das ich meinen “Mosquito Dome” stellte, eine ausserst hilfreiche Konstruktion, leichter als ein Zelt
und zuverlaessig bei der Abwehr von Insekten aller Art. Er hielt auch die Fledermaeuse fern, die in den
Waenden hausten und nachts im Raum unherschwirrten. Auf gut Glueck betrat ich sodann ein Strassenrestaurant
– und dort traf ich endlich jemanden, der Englisch sprach. Ihr Name war Lham – vielleicht auch Lang oder
Lam. Sie kauerte auf dem Boden des Hauses, das wie immer alles in einem war: Restaurant, Verkaufsraum,
Schlaf- und Wohnzimmer. Als sie mich erblickte, steigerte sich ihr Laecheln zu einem breiten Grinsen.
“Hello, I love you, what do you want?”, floetete sie mir entgegen. Ich deutete auf gut Glueck auf irgendwelche
Toepfe, in denen Fleisch und Gemuese bruzzelten. Es schmeckte vorzueglich; ich wunderte mich nur, warum
alles so klein war. Eine Leber, die ich verspeiste, hatte beispielsweise nur die Groesse eines Fingernagels.
Ich winkte Lham, Lang oder Lam zu mir und fragte sie hoffnungsvoll : « Chicken ? » - “Rat!”, antwortete
sie freundlich und zeigte mir einen Stock, auf den eines dieser Tiere gespiesst war. Ich hatte soeben
Ratte mit Gemuese gegessen. Es hatte gut geschmeckt. Spaeter fragte ich Lham, Lang oder Lam, ob sie wisse,
wo Deutschland liege. Klar wisse sie das, gab sie zurueck, Deutschland liege “after ocean”. Hinter dem
Meer also, das war immerhin eine zutreffende Beschreibung. Bevor ich zurueck zu meinem Zimmer mit den
Fledermaueusen ging, fragte ich noch, ob hier jemals ein Tourist gegessen habe. Lham, Lang oder Lam strahlte
mich an und schuettelte den Kopf. “Booo”, liess sie vernehmen, was in diesem Land einer Verneinung gleichkam,
“you are first!”.
Bild
Flächenbrand in Kambotscha

Wenns erlaubt ist, könnt ihr hier noch mehr schöne Bilder sehen.
http://www.asien-urlaub.com/pages/deuts ... a-tour.php

Eine Frau macht niemals einen Mann zum Narren. Sie sitzt bloß daneben
und sieht zu, wie er sich selbst dazu macht.
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