Nicht ohne meine Tochter - was meint ihr dazu?

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Nicht ohne meine Tochter - was meint ihr dazu?

Beitragvon Pantitlan » Donnerstag 2. Oktober 2008, 09:26

Ist nun nicht gerade aktuell, aber ich habe nach vielen Jahren nun doch endlich einmal den Film Nicht ohne meine Tochter geschaut. Vorweg: Technisch fand ich ihn recht gut. Ich war durchs Band durch gespannt und aufgeregt, ob die Flucht nun gelingen wird und wie. Aber gleichzeitig fand ich, dass der Film auch ein paar Fragen aufwirft. Zunächst scheint mir der Wandel des Vaters nicht sehr glaubhaft. Kann der Iran einen guten Mann wirklich in weniger als zwei Wochen in einen grimmigen Patriarch verwandeln? Hat er sich sieben Jahre lang verstellt? War es die amerikanische Gesellschaft, die ihn zu dem machte, was er im Film war?

Weiter hatte ich das Gefühl, dass die iranische Gesellschaft sehr negativ gezeigt wird. Die Leute haben sich andauernd angeschrieben und gestritten. Es mag ja sein, dass die Leute dort etwas lauter sind als bei uns. Aber dass die Leute NUR schreien, das ist mir im Iran nicht aufgefallen. Ausserdem gab es ausser ein paar Regimegegnern keine Leute, die irgendwie postiv auffielen. Das mag sich aus der Sichtweise der Autorin erklären. Aber ich habe den Eindruck, dass bei der Produktion auch bewusst solche Vorurteile bedient wurden. Hat jemand einmal das Buch gelesen und kann es mit dem Film vergleichen?

Es scheint auch eine finnische Dokumentation mit dem Titel "ohne meine Tochter" zu geben, die dem Schicksal des Vaters nachgeht. Die würde mich interessiert. Hat die mal jemand gesehen?

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Beitragvon cora » Sonntag 5. Oktober 2008, 21:29

Was soll ich sagen, es ist wieder so eine Geschichte die zeigt dass es sehr schwer wenn zwei Menschen aus so unterschiedlicher Kulter und verschiedenr Religionen zusammen sind. Zum Mann kann ich sagen es gibt viele Leute die sich anscheinend in der Fremde anpassen, aber je länger sie weg von der Heimat sind dann plötzlich wieder patriotisch werden, ihr Land vermissen.

Ich habe das Buch gelesen, was natürlich viel spannender ist als der Film.
UND ich habe das zweite Buch von Betty Mammody gelesen, es ist sehr gut und zu empfehlen, auch wenn man das erste Buch nicht kennt. Dort schreibt sie auch noch vom Anfang der Beziehung, wie sie ihren Mann kennengelernt hat und sich entschieden hat ihn zu heiraten. Leider fällt mir der Name nicht mehr ein :oops: Für die die`s interessiert, fragt mal Onkel google 8)

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Beitragvon Pantitlan » Montag 6. Oktober 2008, 07:47

Es kann sein, dass im Film Dinge fehlen, die im Buch stehen. Hast du denn auch den Film gesehen? Partiotisch ist das eine. Ich bin hier in China vermutlich auch ein bisschen patriotischer als ich es in der Schweiz wäre. Dass der Mann in den Iran zurück will, das verstehe ich ja. Auch nachdem ihm die Stelle gekündet wurde und seine Kollegen Witze über ihn gemacht haben. Ebenfalls verstehe ich, dass er im Iran stark im Druck steht, den er bei seiner Familie hat. Soweit sehe ich kein Problem.

Aber: Dass er plötzlich beginnt seine Frau zu schlagen, einzusperren und lückenlos zu überwachen, nachdem er vorher acht Jahre lang sehr liberal war und sich selbst als "Amerikaner" bezeichnete und sich "amerikanischen Werten" verbunden fühlte, das finde ich dann schon noch ein weiterer Schritt. Er hätte durchaus mit ihr mehr reden können und zu versuchen einen Kompromiss. Ich habe das Gefühl, dass hier ein wichtiger Teil fehlt: Nämlich das, wie die Frau zur Eskalation des Konflikts beigetragen hat. Das ist natürlich verständlich, weil sich niemand selbst anklagt. Aber ich finde den Film zu einseitig, um auf einer psychologischen Ebene glaubwürdig zu sein. So ist die Botschaft ganz einfach: Männer sind grundsätzlich gewalttätige Monster und wenn sie aus einem islamischen Land kommen, dann erst recht.

Da könnten aber auch marketingstrategische Ueberlegungen dahinter sein. Die USA war ja anfangs 80er-Jahre auf der Seite des Iraks und hat diesen militärisch gegen den Iran unterstützt, wenn ich mich richtig erinnere. Kann also gut sein, dass die Verleger oder der Produzent hier noch ein bisschen von antiiranischen Gefühlen in der Bevölkerung profitieren wollte, um das Buch erfolgreicher zu machen.

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Re: Nicht ohne meine Tochter - was meint ihr dazu?

Beitragvon stephan » Montag 6. Oktober 2008, 18:25

Pantitlan hat geschrieben:...Zunächst scheint mir der Wandel des Vaters nicht sehr glaubhaft. Kann der Iran einen guten Mann wirklich in weniger als zwei Wochen in einen grimmigen Patriarch verwandeln? Hat er sich sieben Jahre lang verstellt? ...


Gerade das finde ich glaubhaft. Ich glaube, das können tausende Frauen in "interkulturellen" Ehen alleine in Deutschland bestätigen.

Trotzdem: ich habe sowohl Buch gelesen als auch den Film gesehen. Ich bin überzeugt davon, dass man die dortigen Protagonisten möglichst negativ dargestellt hat. Das ist ja schon nachvollziehbar, wenn sich eine innereuropäische Beziehung auflöst, dass man den Partner auch/gerade in den Dingen negativ darstellt, die man früher mal geliebt hat ("er ist ja sooo..exotisch...*schwärm*").

Ich erinnere mich da beispielsweise an eine Stelle im Buch, die beschreibt, wie versifft wohl der Tschador war, den die Dame sich (geliehen von der Schwägerin oder so) umziehen musste. Dass dort halt alle und alles versifft ist usw.
Ich habe den ein oder anderen Perser kennengelernt, komischerweise beschreiben die Perser die Araber gerne mal so, wie Betty Mammody die Perser beschreibt...unkultiviert und dreckig.
Naja, dass ein amerikanisches Buch/Film zu dem Thema tendenziös sein muss, ist ja auch klar.
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Beitragvon Pantitlan » Dienstag 7. Oktober 2008, 04:39

Das ist genau mein Punkt: Der Film vermittelt durch die "objektive" Erzählperspektive (es kommt ja nicht wie ein Erfahrungsbericht daher, bei dem Betty IHRE Sicht erzählt, sondern es wird so eine Art Gottperspektive gewählt, wo auch Dinge gezeigt werden, die Betty bestenfalls vermuten kann) eben eine Objektivität, die es genau nicht gibt. Es ist EINE Sicht einer gescheiterten Ehe, bei der meiner Meinung nach wichtige Teile fehlen, um glaubhaft zu werden. Es ist doch nicht einfach so, dass Betty der amerikanische Unschuldsengel ist und ihr Mann das iranisch-islamische Monster. Es wird im Film ja leicht angetönt: Sie weist von Beginn an jeden Dialog von sich. Wer weiss, womit sie ihm gedroht hat. Gut möglich, dass sie ihm schon sehr früh gedroht hat, das Kind selber zu entführen - was sie am Ende ja auch getan hat. Dass dann solche Drohungen den Konflikt eher verschärfen als entschärfen, das ist ja eigentlich anzunehmen.

Und das Iranbild. Ich weiss ja nicht, was die Frau dort wirklich erlebt hat und wie die Situation vor 20 Jahren war. Als ich vor drei oder vier Jahren den Iran bereiste, fand ich die Leute dort extrem freundlich und aufgeschlossen. Niemand hat grimmig geschaut, niemand hat besonders aggressiv rumgeschrien...

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Beitragvon cora » Mittwoch 8. Oktober 2008, 20:43

Ich habe das Gefühl, dass hier ein wichtiger Teil fehlt: Nämlich das, wie die Frau zur Eskalation des Konflikts beigetragen hat. Das ist natürlich verständlich, weil sich niemand selbst anklagt. Aber ich finde den Film zu einseitig, um auf einer psychologischen Ebene glaubwürdig zu sein. So ist die Botschaft ganz einfach: Männer sind grundsätzlich gewalttätige Monster und wenn sie aus einem islamischen Land kommen, dann erst recht.


Das ist doch immer so, bei jeder Trennung denkt man die andere Person sei schuld. Ich habe es noch selten erlebt dass jemand zu seinen Fehlern stehen kann und sagt " Ich bin Schuld am Versagen der Beziehung".
Wahrscheinlich war sich Betty Mammody einfach auch zuwenig bewusst auf was sie sich einlässt, die berühmte rosarote Brille des verliebt seins.

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Beitragvon Pantitlan » Donnerstag 9. Oktober 2008, 04:23

Das ist sicher wahr, Cora. Ich beschuldige auch immer die anderen, wenn eine Beziehung kaputt geht. Das ist aber nicht exakt das Problem, das ich mit dem Film habe.

Wenn du das Buch liest, dann steht dort vermutlich alles in der ICH-Perspektive. Das heisst, es ist in der Erzählung immer klar, dass das parteiisch ist. Der Film wählt aber so eine Art Gottperspektive und es ist nicht wirklich klar, dass er ausschliesslich auf Informationen von ihr basiert. Natürlich kann man das erschliessen, aber es ist nicht unmittelbar klar.

Und eben: Das einseitig negative Iranbild und Männerbild hat mich auch etwas gestört.

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Beitragvon cora » Donnerstag 9. Oktober 2008, 18:53

Ja da hast Du Recht. Es ist wohl immer schwierig ein Buch zu verfilmen.

Und das Thema fremde Kulter ist auch immer so ein heikles Thema...

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Beitragvon weltweit77 » Dienstag 25. November 2008, 10:26

hallo,

ich hab das Buch vor Jahren mal gelesen, als das richtig groß in der Diskussion war. hat mich damals schwer beeindruckt.

vielleicht sollte ich das mal wieder lesen.

allgemein ist das bei mir so, dass ich arg enttäuscht bin, wenn ich das Buch schon gelesen hab und dann erst den Film ansehe. ist bisher eigentlich immer so gewesen. Umgekehrt ist das kein Problem, also erst den Film ansehen und dann das Buch lesen.

zu dem erwähnten Aspekt der Rolle der Frau. das Buch schreibt aus ihrer Perspektive, dass sie da vielleicht ganz objektiv ist, wäre wohl möglich.

LG erstmal

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Beitragvon sandsturm » Mittwoch 28. Juli 2010, 09:09

Habe mir nun vor ein paar Tagen den Film auch mal angeschaut. Der Iran kommt schon nicht besonders gut weg, aber man kann von einer Frau, die so eine Geschichte erlebt hat, auch kaum erwarten, dass sie "politisch korrekt" erzählt. Daher hat mich das nicht so sehr gestört.

Ich weiss nicht, wie realistisch der Wandel ist, da ich selber nie in einer solchen Situation gewesen bin. Aber es scheint mir klar, dass der Mann selbst unter grossem Druck von seiner Familie steht. Da gibt es für ihn eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Sie dem zu entziehen und frühzeitig zurückzureisen btw. mit der Familie die Konfrontation suchen (was aber im konkreten kulturellen Text vermutlich nicht geht), oder eben dem Druck nachgeben mit den Folgen, die der Film schildert.

Ich fand den Film insgesamt sehr sehenswert.

Bitte keine PN. Ich beantworte gerne jede Frage. Aber nur solche, die im Forum gepostet sind, sonsts bringt das ja nicht allesn etwas.
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