Weltreiseforum Foren-Übersicht
Weltreiseforum Foren-Übersicht Login Registrieren FAQ Mitgliederliste Suchen

Weltreiseforum Foren-Übersicht » Reisephilosophie, Smalltalk und Gott und die Welt » Dient der asiatische Gigantismus dem Nationbuilding?
Neues Thema eröffnen  Neue Antwort erstellen Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen 
Dient der asiatische Gigantismus dem Nationbuilding?
BeitragVerfasst am: Mi 21. Dez. 2005; 18:58 Antworten mit Zitat
Pantitlan
Site Admin
Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 4212
Wohnort: Beijing (Basel)




Das ist mir bei meiner Reise in Malaysia stark aufgefallen, gilt aber eigentlich genauso für China und Japan: Ueberall werden prunkbauten erstellt von einer grösse, wie es sie gar nicht braucht. Und da alles nur mit einem Ziel: Der Grösste, der Längste, der Schnellste oder schicht und einfach der beste zu sein. Beispiele gibts genug: Die Petronatürme in KL, abgelöst von Taipeh 501; mit 6200 Zimmer das First World Hotel in Genting als das grösste Hotel der Welt; der Schnellzug in vom Flugplatz nach Shanghai ist der schnellste der Welt usw...

Ich vermute, dass bei den teilweise ethnisch stark heterogenen Ländern (vor allem Malaysia) dieser Gigantismus dazu dient, die Menschen unter einem gemeinsamen Hut (der eben wegen der ethnischen Vielfalt keine Tradition sein kann) in einer Nation zu vereinigen. Also als klassisches Beispiel für ein Nationbuilding.

In Malaysia zumindest scheint mir das einzuleuchten. Ein Taxifahrer, denn ich interviewt habe, meinte: "Die Petronatürme sind unsere Identität". Der Sohn des Königs, mit dem ich ebenfalls geredet habe, sah den Sinn solcher Bauten allerdings eher in ihrer Ausstrahlung nach Aussen. Nach dem Motto: "Schaut mal die Malaysier an, die sind wer!" Aber das will nicht heissen, dass dieser Nationbuildingprozess nicht aus (bewusst oder unbewusst) für diese typische Gigantonomie wichtig ist. Was denkt ihr dazu?

_________________
www.zipr.ch/oliboli
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Website dieses Benutzers besuchen

BeitragVerfasst am: Mi 21. Dez. 2005; 21:03 Antworten mit Zitat
Alex
Forenveteran
Anmeldungsdatum: 19.02.2005
Beiträge: 1789
Wohnort: Deutschland




Davon, dass diese aufsehenserregenden Bauwerke ein Instrument des Nationbuilding sind, bin ich überzeugt.

Vor einiger Zeit habe ich mich mit einem Bekanntem über das Thema Nationbuilding anhand verschiedener Nationen und ihrer Wahrzeichen etc. unterhalten. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es möglicherweise das Fehlen solcher Sonderprojekte ist, an dem das Zugehörigkeitsgefühl (also der Nationalstolz) in Deutschland krankt. Diese Mega-Bauten (die sich ja nicht nur durch Größe, sondern auch durch Komplexität auszeichnen können) werden für Inländer wie für das Ausland zu einem Symbol, an dem man Nationalstolz "aufhängen" kann. Übrigens können auch außergwöhnliche Taten, die möglicherweise auch mit hohen Entstehungskosten verbunden sind, zu Symbolen werden.
Als die Vereinigten Staaten es mit enormem Geldaufwand im Rahmen ihres Weltraumprojekts geschafft hatten, als erste Nation zwei ihrer Bürger auf den Mond (der bis dahin wohl sicher auch so etwas wie die greifbar erscheinende Unerreichbarkeit bedeutete) zu schicken, war man (ich lebte da noch nicht) wohl nicht nur als US-Bürger stolz auf die Nation, sondern auch das Ausland bewunderte diese Heldentat. Eine tatsächliche wissenschaftliche Erfordernis hat ja dabei auch nie bestanden, genauso wie es heute wirtschaftlich kaum effizient ist, einen 550 Meter hohen Turm zu errichten.
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: Mi 28. Dez. 2005; 23:00 Antworten mit Zitat
Pantitlan
Site Admin
Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 4212
Wohnort: Beijing (Basel)




Nuja, ich denke, dass es in Deutschland an anderen Problem liegt. Zum Beispiel auf eine Vergangenheit, auf die man nicht wirklich stolz sein kann, zum Beispiel. Zumindest auf einen Teil davon nicht, denn vor drei Jahrhunderten hatte die Kultur weltklasse. Dass aber Deutschland keine so artifizielle Nationalidentität braucht, ist irgendwie auch klar: Der Bezug auf eine gemeinsame Kultur und Sprache ist schon sehr stark. Dass sich nun plötzlich Franken oder Hessen nicht mehr als Deutsche fühlen sollten, das scheint mir eher unwahrscheinlich. Deswegen braucht es das ja nicht. Das zumindest im Rahmer der vorher formulierten "These" von mir.

Aber Du hast natürlich recht mit dem Weltraumprojekt. Es braucht nicht unbedingt materielle Erfolge. Die können auch kultureller, finanzieller oder eben wissenschaftlich-technischer Natur sein. Worauf ist man eigentlich im Boomland China stolz? Geschichte oder Gegenwart? Gut, China ist ja auch weitgehend ethnisch homogen - mal von den Minderheiten abgesehen, die ohnehin kaum staatstragenden Einfluss haben.

_________________
www.zipr.ch/oliboli
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Website dieses Benutzers besuchen

BeitragVerfasst am: Sa 31. Dez. 2005; 14:37 Antworten mit Zitat
Alex
Forenveteran
Anmeldungsdatum: 19.02.2005
Beiträge: 1789
Wohnort: Deutschland




Eine gemeinsame Kultur und (weitgehend) auch eine gemeinsame Sprache haben die Chinesen doch auch.

Dass man auf die deutsche Vergangenheit nicht stolz sein kann, finde ich aber gar nicht. Viele Neuerungen der Neuzeit wurden von Deutschen erfunden.
Man denke an die Braunsche Röhre (Fernseher), die Raketen- und Atomtechnik, viele andere Entdeckungen der Naturwissenschaften, an Aspirin and die vielen amerikanischen Nobelpreisträger der Nachkriegszeit, die aus Deutschland kamen und auch an deutsche Schulen und Universitäten gelernt haben, an den Ottomotor/Wankelmotor, an AlexandervonHumboldt, an das Düsenflugzeug usw. usw. (etwas techniklastige Auflistung, aber das liegt wohl an mir... Smile)
Zwar wurden viele dieser Entwicklungen auch zum Schlechten vewendet. Aber ohne die zivile Atomtechnik wäre die Elektrisierung und später Elektronisierung der Neuzeit nicht denkbar. Bei aller gerechtfertigter Kritik an der Atomtechnik darf man doch nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, dass mit fossiler (und regenerativer) Energieerzeugung die schnelle Weiterentwicklung der Technologien nicht machbar gewesen wäre. Man stelle sich einfach einmal vor, wieviel Öl und Gas nötig gewesen wäre, um die Atomkraft der letzten 50 Jahre zu ersetzen! Die Kosten der Atomkraft sind insgesamt gesehen, nicht unbedingt geringer, aber die entstehen eben viel später (Entsorgung etc.).
Und ohne die Raketentechnik Werner von Brauns hätte wohl so bald niemand den Mond betreten.

Aber Du hast schon Recht. Mit dem Nationbuilding von Staaten wie Singapur und Malaysia ist das deutsche Problem wohl nicht ganz vergleichbar.

Worauf man in China stolz ist? Sicher auf die jahrtausende alte Kultur. Schade nur, dass die in großen Teilen zerstört ist. Mao hat da ganze Arbeit geleistet. Aber heutzutage wird wohl (z.B. in den staatlichen Medien) zu dem "alten China" wieder großen Bezug genommen.
Ob man generell so stolz auf die Gegenwart ist, fällt mir schwer zu beurteilen. Vielleicht ist man stolz, dass China bald wieder eine "Weltmacht " ist. Aber das "wieder" nimmt ja nun dann wieder Bezug auf die große Vergangenheit.
Ansonsten glaube ich persönlich nicht, dass das "alte China" in den Werten der Menschen überlebt hat. Würde man sonst Chemieanlagen fahrlässig sichern, nur weil dann mehr Geld für die Eigentümer bzw. die Geschäftsleitung übrig bleibt? Würde man über hunderte von Kilometern alte Kulturlandschaften fluten und Millionen von Menschen zwangsumsiedeln, um der fortschreitenden Industrialisierung Strom zu liefern? Würde man jahrhunderte alte Gebäude zwangsräumen und abreißen, um neuen Stahl-und-Glas-Riesen Platz zu schaffen? Ich bin davon überzeugt, dass die KP-Führung nur noch zu Zwecken der Propagangda Bezug auf die glorreiche Vergangenheit nimmt. In Wirklichkeit glaubt man sich auf einem neuen Weg des Fortschritts. Dabei wird wohl, nicht nur in der KP-Führung, alles Neue und "Moderne" als besser betrachtet, genauso wie alles Große und Monumentale als unbedingt dem Kleinen, Individuellen überlegen betrachtet wird...
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: Sa 11. Feb. 2006; 15:38 Antworten mit Zitat
Pantitlan
Site Admin
Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 4212
Wohnort: Beijing (Basel)




Nun ja, wenn ich sage, dass man nicht auf die Deutsche Vergangenheit stolz sein kann, dann meine ich natürlich nicht wegen den technischen und auch philosophischen Errungenschaften (man darf auch nicth vergessen, dass viele der wichtigsten Philosophen der Neuzeit deuschsprachig waren: Kant, Wittgenstein, Heidegger; ebenso andere einflussreiche Denken wie zum Beispiel Freud usw.), auf die am eigentlich Stolz sein könnte. Ebenso die weltweit geschätzte Klassische Musik. Aber das Problem ist ja, dass deutschland noch immer vom zweiten Weltkrieg traumatisiert ist und deswegen mühe hat, für das Nationbuilding an die eigene Vergangenheit anzuknüpfen. Die ist so nachhaltig missbraucht worden, dass das wohl noch ein paar Generationen braucht, bis das wieder geht.

Das Nationbuildig in China bezieht sich meiner Meinung nach vor allem auf die gemeinsame Sprache und Schrift. Das ist dann auch das Problem, denn so können sich zum Beispiel die Uyguren und Tibeter nicht dazu gehörig fühlen. Aber die Frage ist halt, auch was man sich sonst beziehen könnte. Gemeinsame Religion ginge dort auch nicht. Und der Wirtschaftswachstum ist eben auch sehr ungleichmässig.

_________________
www.zipr.ch/oliboli
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Website dieses Benutzers besuchen

BeitragVerfasst am: Mo 06. März. 2006; 15:18 Antworten mit Zitat
dokbua
Fullmoonpartyjäger
Anmeldungsdatum: 06.03.2006
Beiträge: 24




In Bangkok ist es (anscheinend) gemässiger, immerhin gibt es dort schon über 800 Hochhäuser. Als der Baiyoke Tower II etwa 1997 mit "nur" 304 Meter Höhe fertig gestellt war, sahen dies alle gelassen, bis auf die Investoren natrlich. 2001 wurde der State Tower mit 247 Metern ohne grossen Anklang fertig gestellt. Da haben religiöse Bauten, wie der 127 Meter hohe Chedi in Nakhon Pathom eine viel höheren Stellenwert.

In Malaysia und China mag es anders ein.
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: Sa 11. März. 2006; 13:32 Antworten mit Zitat
Aremonus
Forenveteran
Anmeldungsdatum: 07.10.2005
Beiträge: 618
Wohnort: Basel




Der Zug in Shanghai wurde so nebenbei gesagt au von ner Deutschen Firma entwickelt und gebaut. Es gab ja sogar mal ein Transrapid projekt Berlin - Bonn. Wurde dann aber aus Geldgründen abgeblasen. Für Shanghai lohnt es sich natürlich mehr, einen Transrapid als einen normalen Zug zu bauen, da er ja nicht zu andern Geleisen kompatibel sein muss; die gibt es für die Stracke noch garnicht.
Die Grosse Koalition will nun auch einen Transrapid für Deutschland; wahrscheinlich wird er den Flughafen München mit der innerstadt verbinden.

Andere Projekte wie zB der TV-Turm in Shanghai o.ä. sind natürlich reine prestige-projekte. Mir scheint, dass viele asiatische Länder unter so einer Art minderwertigkeitskomplex (ich möcht neimanden verletzen aber ich find' kein besseres Wort) leiden. Deswegen wollen sie der Welt immerzu beweisen, dass sie wer sind. (Meiner Meinung nach ist dieses Verhalten in Indien am ausgeprägtesten).

Bei Japan seh' ich der Grund anderswo; man möchte einfach zeigen, was technisch möglich ist und im eigenen Land mehr aufbruchsstimmung verbreiten. Das wollten die USA ja auch mit ihrem Apollo-Programm; und es ist ihnen auch geglückt, wie man an der Konjunktur der darauf folgenden Jahren feststellen kann. Auch in Europa enstand mehr aufbruchsstimmung und wir können uns ja wohl nicht über das wirtschaftswachstum in den 70ern beklagen...

Fazit kann es praktische (wie der Transrapid in Shanghai oder der Gotthard-basis-tunnel in der CH) wie auch psychologische Gründe geben.
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden MSN Messenger

BeitragVerfasst am: Do 28. Feb. 2008; 04:03 Antworten mit Zitat
Pantitlan
Site Admin
Anmeldungsdatum: 13.09.2004
Beiträge: 4212
Wohnort: Beijing (Basel)




Ich möchte dieses Thema wieder aktualisieren, nach dem wir hier im Forum ähnliche Fragen wieder hatten. Zum Beispiel, dass am kommenden in Freitag mit dem neuen Terminal des Pekinger Flughafens das weltweit grösste Flughafengebäude aufgeht ( http://www.traveltalk.weltreiseforum.com/ftopic9836.html ) und dann noch dieses Thema über den Wolkenkratzer-Index ( http://www.traveltalk.weltreiseforum.com/ftopic9871.html )...

_________________
www.zipr.ch/oliboli
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Website dieses Benutzers besuchen

BeitragVerfasst am: Fr 29. Feb. 2008; 11:28 Antworten mit Zitat
gabe
Forenveteran
Anmeldungsdatum: 15.09.2004
Beiträge: 1532
Wohnort: Tokyo, Cape Town und Zürich




Das scheint mir ein sehr interessantes Thema zu sein. Dass es sich dabei um einen Nationalstolz handelt scheint unbestritten. Auf keinem anderen Kontinent ist Prestige so wichtig wie in Asien.

Im weiteren geht es weniger darum wer es baut, sondern wer es sich leistet und wo es dann auch steht. Die Petronas Twin Towers in Kuala Lumpur z.B. stehen für den Nationalstolz Malaysia's, gebaut wurde der einte Turm aber von einem koreanischen Konsortium und der andere Turm eines japanischen. In den meisten Megaprojekten in Asien oder sonst wo auf der Welt sind Europäische oder US Firmen involviert. Der Dreischluchtenstaudamm hat wohl kaum was mit dem schwedischen oder schweizerischem Nationalstolz zu tun obwohl die Turbinen von ABB gebaut wurden. Auch bei den Flughäfen scheinen sich asiatische Metropopolen zu übertreffen aber da steht wohl auch ein Nutzen der Passagiere im Vordergrund oder trägt zumindest bei. Die Entwicklung der Verkehrsaufkommen und der Wirtschaft rechtfertigen diese Projekte grösstenteils. Der neue Flughafen in Bangkok stosst ja bereits wieder an seine Kapazitätsgrenzen.

Die Gründe für jedes Projekt mögen verschieden sein. Aber wie es bereits gesagt wurde, meist ist es eine Mischung zwischen Notwendigkeit, Eifer etwas zu beweisen, Grössenwahn und wirtschaftliche Hintergedanken wie z.B. Arbeitsplatzbeschaffung und Anderes.

_________________
-------------------------------
gabe @ www.tokyo.ch
-------------------------------

http://grand-hirafu.myminicity.com
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen MSN Messenger

Dient der asiatische Gigantismus dem Nationbuilding?
 Weltreiseforum Foren-Übersicht » Reisephilosophie, Smalltalk und Gott und die Welt
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde  
Seite 1 von 1  

  
  
 Neues Thema eröffnen  Neue Antwort erstellen  


Google
 
Web weltreiseforum.com

Hier sind weitere Links im Reiseforum:
Redaktionelle Seiten für Reisevorbereitungen, Reisezubehör, Reiseberichte von Forenmitgliedern, Nachrichten rund ums Reisen (NEU)

    Powered by phpBB 2.0.11 © 2001-2004 phpBB Group. phpBB Skin by Vjacheslav Trushkin.