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 | Wieso kümmert sich die Welt mehr um Tibet als um Xinjiang? |  |
Verfasst am: Do 21. Okt. 2004; 02:49 |
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| Pantitlan |
| Site Admin |
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| Anmeldungsdatum: 13.09.2004 |
| Beiträge: 4212 |
| Wohnort: Beijing (Basel) |
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Es ist wirklich ein spannendes Phänomen: es gibt kaum ein prominteres unterdrücktes Volk als die Tibeter. Wer sich für die Befreiung Tibets einsetzt, kann auf die Symphatien der Masse setzen. Wenn ein Kloster zerstört wird, gibt es ein grosses Aufschreien. Dass aber China die gleichen dubiosen Menschenrechtspraktiken in der nördlicher gelegenen chinesischen Provinz Xinjiang anwendet, die vorwiegend von Uiguren, einem Turkstamm, besiedelt wird, weiss hierzulande kaum jemand.
Ich möchte mich nicht auf die Aeste rauslassen und behaupten, wo es schlimmer ist - dazu bin ich nicht in der Lage. Aber ich glaube, man kann von einer ähnlichen strukturellen Situation ausgehen. Daher habe ich den Eindruck, dass diese unterschiedliche Wahrnehmung dieser beiden chinesischen "Problemgebieten" nicht auf die reale Lage zurückgeführt werden kann, sondern eher auf unsere Bilder, die wir davon haben. Wie kommt es aber, dass wir den symphatischen Tibeter schützen wollen und uns der betrügerische muslimische Uygur kalt lässt? |
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Verfasst am: Do 21. Okt. 2004; 11:56 |
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Teil der Ursache ist möglicherweise, daß Ost-Turkestan schon von der Guomindang wieder an China angeschlossen wurde?
Es fehlt natürlich auch ein Aushängeschild wie der Dalai Lama, und auch die ethnische Zusammensetzung ist doch um einiges komplizierter als in Tibet, oder? Vielleicht fehlt auch der Mythos von der "gewaltfreien" und ach so friedlichen Religion
Natürlich klappt auch die "hat schon immer zu China gehört"-Argumentation bei Xinjiang etwas besser als bei Tibet. |
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 | uiguren und tibeter |  |
Verfasst am: Sa 22. Jan. 2005; 07:25 |
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genau die frage habe ich mir auch schon oft gestellt! beim wort "uigure" wissen ja schon mal viele leute nicht mal, was das ist, waehrend sich bei "tibeter" wohl jede und jeder dazu aeussern kann.
ich denke, es liegt vor allem daran, dass die tibeter im ausland eine sehr starke und organisierte lobby haben, sie im allgemeinen als "sehr friedliche" menschen wahrgenommen werden und buddismus im westen als DIE lebensform angeschaut wird - waehrend die uiguren nicht lautstark auf sich aufmerksam machen koennen und leider einer religion angehoeren, die im westen nicht auf allzu viele sympathien stoesst. dazu kommen die terroranschlaege als gegenwehr...nach dem 9.11. hat china natuerlich noch mehr "gruende", gegen die uigurischen terroristen vorzugehen...
es ist wirklich eine schande, dass die weltoeffentlichkeit nicht mehr darueber informiert wird, wie es den anderen minderheiten in china ergeht! |
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Verfasst am: Sa 22. Jan. 2005; 21:55 |
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| Orangenhaut |
| Hardcoretraveller |
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| Anmeldungsdatum: 25.10.2004 |
| Beiträge: 86 |
| Wohnort: Zürich |
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| Zitat: | | ich denke, es liegt vor allem daran, dass die tibeter im ausland eine sehr starke und organisierte lobby haben |
Ich glaube nicht, dass die Tibeter ihre Sympathien durch Lobbyismus gewinnen, sondern vielmehr durch die Vorstellung des friedvollen Widerstandes. Etwa so ähnlich wie Gandhi sich zu einem Mythos der positivsten Art überhöht hat.
Hast du irgendwelche Hinweise auf eine tibetische Lobby in Europa? Würde mich noch interessieren. |
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Verfasst am: So 23. Jan. 2005; 12:30 |
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| yan |
| Traveller |
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| Anmeldungsdatum: 31.10.2004 |
| Beiträge: 67 |
| Wohnort: zuhause |
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| Orangenhaut hat folgendes geschrieben: |
Hast du irgendwelche Hinweise auf eine tibetische Lobby in Europa? Würde mich noch interessieren. | Beastie Boys, Richard Gere etc. Ist zwar nicht Europa, aber ich denke, das geht in die Richtung, die weltumrunderin meint.
Allerdings kann ich diese so extrem negative Sicht auf die Lage der Minderheiten nicht ganz teilen. Sicher liegt einiges im argen, andererseits habe ich mich z.B. auch schon öfter gefragt, inwiefern genau die Lage der Minderheiten in Russland (und vorher der SU) besser ist? |
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Verfasst am: Mo 24. Jan. 2005; 08:54 |
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Das ist tatsächlich eine interessante Frage, denn wer in Deutschland hat schon von Xinjiang und vor allem dem dort herrschenden Konflikt zwischen den Uiguren und den Han-Chinesen gehört? Kaum einer und noch weniger würde dieser Aspekt in irgendwelchen internationalen, politischen Diskussionen zur Sprache gebracht werden, im Gegensatz zu Tibet, das doch immer wieder mal bei Fragen China betreffend ein Thema ist.
Ein Grund wohl ist die Sonderstellung die Tibet schon so lange besitzt, bis vor kurzem war es ja Touristen nicht erlaubt dieses Land zu besuchen und auch jetzt noch gibt es einige Einschränkungen was das angeht. Man hegt also eine gewisse Neugierde was Tibet angeht und interessiert sich aus diesem Grund allein schon mehr für dieses Land (nun eigentlich „diese Provinz“ Chinas, aber lassen wir es mal so stehen).
Ein weiterer Grund scheint mir auch die Religion zu sein, welche den Durchschnitts-westlichen weitaus mehr reizt als der Islam, der doch auch bei uns weit verbreitet und als eine der Weltreligionen, den meisten nicht neu ist. Wohingegen der Tibetische Buddhismus eine den meisten eher unbekannte und wie richtig bemerkt wurde anziehende Religion ist. So fasziniert einen also die tibetische Kultur und somit die Erhaltung dieser mehr, als zum Beispiel Xinjiang. Ich will hier noch sagen, dass ich diesen Gründen keine Berechtigung zuspreche, ich selbst plane im März nach Xinjiang zu reisen. Vielleicht jedoch erklären sie ein wenig weshalb die Welt ihr Auge eher auf Tibet als auf Xinjiang richtet, wo man sicherlich von einem ähnlichen Grad der Unterdrückung ausgehen kann.
Historisch nun lässt sich bestimmt auch einiges erklären, aber hierbei hab ich selbst nicht genug Wissen über diese beiden Provinzen, um in irgendeiner Weise argumentieren zu können. |
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 | Nationalitätenolitik in der SU und China |  |
Verfasst am: Mo 24. Jan. 2005; 10:50 |
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| Zitat: | | Allerdings kann ich diese so extrem negative Sicht auf die Lage der Minderheiten nicht ganz teilen. Sicher liegt einiges im argen, andererseits habe ich mich z.B. auch schon öfter gefragt, inwiefern genau die Lage der Minderheiten in Russland (und vorher der SU) besser ist? |
Dazu muss vielleicht gesagt werden, dass sich die chinesische Nationalitätenpolitik zur Zeit Maos sehr stark an der von sowjetischen orientiert hat, welche zwar offiziell von der "Selbstbestimmung der Völker" sprach (musste man, weil Lenin 1917 dieses Doktrin erliess) tatsächlich aber die Völker auf brutalste Weise zerriss, in eigenartige ethnische Kategorien einteilte usw. Von der anfänglich gutgemeinten Befreiung der Völker (nach dem so genannten zaristischen Völkergefängnis) wurde ein noch viel schlimmeres Völkergefängnis. Mao fand Stalin recht vorbildhaft - und fing u. a. deswegen sogar fast einen grösseren Krieg mit der SU Chruschtschows an - und teilte die Bevölkerungen ähnlich ein und riss sie ähnlich und mit der gleichen Rhetorik auseinander. So ist heute Grosstibet ähnlich zerrissen wie Mittelasien mit den fünf "-stan Republiken". Die Begrifflichkeit mit den automenten Gebieten, Rayons usw. ist in China ebenfalls sehr an der SU. angelehnt. z.B. autonome Republik, autonomes Gebiet usw. So haben beispielsweise die Tibeter eine autonome Provinz, während zum Beispiel die Miao nur ein einem autonomen Gebiet leben. Wobei in beiden Fällen der Begriff "Autonomie" recht fraglich ist.
Hoffen wir bei allen ähnlichkeiten der Nationalitätenpolitik, dass doch eines anders ist: die Sowjetunion zerfiel, weil Gorbatschow das explosive ethnische Problem (sprich: die seit Stalin "gelöste" nationale Frage) nicht mehr weiter unterdrücken konnte bzw. wollte. Hoffen wir, dass die ethnischen Spannungen in China das Land nicht auch zerreissen, denn das würde letztlich niemandem was nützen.
Falls sich jemand für das Scheiter und die Gründe des Scheiterns der sowjetischen Bevölkerungspolitik interessiert, kann ich das Taschenbuch von Uwe Halbach empfehlen. Es sind nur 100 Seiten, bringt aber alles auf den Punkt. Es heisst glaube ich "Das Sowjetische Vielvölkerimperium" ich kann das nochmals nachschauen, wenn ich zu hause bin. |
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Verfasst am: Di 25. Jan. 2005; 09:34 |
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| Pantitlan |
| Site Admin |
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| Anmeldungsdatum: 13.09.2004 |
| Beiträge: 4212 |
| Wohnort: Beijing (Basel) |
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Das ist ein spannendes Thema und ich glaube, es sind schon die meisten wichtigen Aspekte gesagt worden. Ich möchte noch auf einen spannenden Text von Martin Brauen hinweisen. Er heisst "Traumwelt Tibet und ist eigentlich ein Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung, die es vor einiger Zeit in Zürich gab. Brauen will der grosse Tibetkenner seiner Zeit sein - bin ja allerdings ein bisschen skeptisch, weil er ja kaum Forschungsmöglichkeiten hat. Aber er hat ein sehr solides, wissenschaftliches Werk verfasst, in dem es um die Tibetbilder und über die Ueberhöhung des Tibetmythos geht. Dazu analysiert er jede Menge Filme und auch Bücher und Comics, aber auch historische Quellen. Das ist sehr spannend. So soll in Tibet der heilige Gral versteckt sein, glaubten die Nazis - dabei wissen wir doch seit Indiana Jones, dass er in Petra ist... . Und man machte sich im Tibet auf die Suche nach dem ewigen Leben. Soweit ich mich erinnere, war dies auch einer der wesentlichen Grundlagen für den Erfolg des Tibetmythos... |
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Verfasst am: Fr 28. Jan. 2005; 17:10 |
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| Bin über den Beitrag von Malev hier hereingegoogelt. Es scheint hier ja so zu sein, als seien Litereturtipps zum Thema willkommen. Wollte da auch noch einen Tipp loswerden: Simon, Gerhard: Nationalismus und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion, Baden-Baden 1986. Das Buch ist zwar vergriffen, aber die meisten guten Bibliotheken haben es. Da es vor dem Zerfall der SU geschrieben wurde, hat es einen anderen Fokus als der Beitrag von Uwe Halbach (den ich übrigens auch recht gut finde und der leider auch vergriffen ist). Bei Halbach geht es ja darum, dass er den Zerfall auf die jahrzehntelange falsche Nationalitätenpolitik zurückführt. Simon jedoch beschreibt diese Politik selber. Meines Wissens ist es noch immer die dataillierteste Analyse und daher m. E. noch immer sehr lesenswert. |
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